ABBA – was ist so einzigartig an ihren Songs?

Warum schaffte es bislang niemand, den einzigartigen ABBA-Sound zu reproduzieren: Es müsste doch reizvoll sein, dem Mega-Erfolg der Kult-Band nachzueifern? Wir gehen den typischen ABBA Stilelementen auf den Grund.
Über die Optik und Bühnenpräsenz der beiden Sängerinnen braucht man eigentlich nichts mehr sagen. Auch über Benny und Björn als Musiker-Persönlichkeiten ist bereits genug veröffentlicht geworden.
Viel spannender ist es doch zu schauen, was den typischen ABBA-Sound so ausmacht. Es sind Elemente, die irgendwie bislang niemand kopieren konnte oder es gar nicht erst versucht hat. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist für mich die Tatsache, dass ABBA zwei gleichberechtigte Sängerinnen/Frontfrauen hatte, also ein Gesangs-Duo!
Komischerweise gibt es das heute kaum noch, was in den 70ern gar nicht so selten war. Und das, obwohl sich so großartige Möglichkeiten ergeben zwei Stimmen zu einem einzigartigen Klangerlebnis zu verschmelzen.
Schaut euch um: Wo findet ihr eine Band, in der zwei Sängerinnen oder auch Sänger gleichberechtigt als Frontacts auf der Bühne stehen? Gesang ist nur noch ein Solo-Ding – und das, obwohl Bands mit mehreren Frontacts viel mehr Aussicht auf Erfolg haben, siehe Boy-Groups und Girl-Groups.
Tipp: Lies hier mehr über den Werdegang von ABBA: ABBA – Wie aus Flops und Pannen ein weltweiter Hype wurde
Für die Fans sind zwei Frontacts auch interessanter, denn so findet sich mehr „Material“ zum Anhimmeln, als Projektionsfläche und Idol. Die beiden ABBA Sängerinnen mit ihrem gegensätzlichem Aussehen betonten gegenseitig ihre Optik, ergänzten sich und sprachen als Gesamtbild eine große Masse an weiblichen und männlichen Fans jeden Alters an.
Dazu kam die Kombination aus zwei Paaren: Auf Kinder wirkten sie wie Eltern oder Onkel und Tante und lösten ein familiäres Vertrautheits-Gefühl aus.
Zwei gleichberechtigte Sänger:innen in einer Band: Das ist im Amateurbereich natürlich wahrer Luxus, weil wirklich gute Sänger:innen rar sind. Aber im Profibereich, besonders in der Pop-Musik, sollte das jederzeit möglich sein.
Mit einem modernen Duo wäre auch all den Castingshow -„Leichen“ geholfen, die nach kurzem Ruhm einfach wieder in die Bedeutungslosigkeit verschwinden. Würden sie perfekt matchende Duos gründen, wäre ihre Erfolgschance wesentlich größer.
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Mehrspurige Gesangstechnik und viel zweistimmige Passagen: Der ABBA-Sound
Keine Noten lesen können, aber ein perfektes Gehör
Benny Andersson und Björn Ulvaeus – die musikalischen Köpfe von ABBA – konnten keine Noten lesen. Trotzdem komponierten sie Songs, die harmonisch absolut komplex und perfekt aufgebaut sind. Ihr Geheimnis war ein außergewöhnliches melodisches Gehör.
Ihre Musik entstand nicht auf dem Papier, sondern meist in Schweden am See, am heimischen Piano oder an der Gitarre.
Der dritte Soundtüftler im Bunde: Michael B. Tretow
Ein Name, den man oft vergisst, wenn man über ABBA spricht, ist Michael B. Tretow. Der Toningenieur war entscheidend für den typischen Klang. Er verstand sofort, dass ABBAs Stärke in den sich ergänzenden Stimmen der beiden Sängerinnen lag – und dass man daraus noch viel mehr machen konnte.
Was macht ABBA-Songs denn nun so besonders?
Der ABBA-Sound ist hell, klar und schillernd – und sehr bombastisch. Tretow experimentierte mit Overdubbing, also dem Übereinanderlegen mehrerer Gesangsspuren. Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad (Frida) sangen ihre Parts mehrfach ein – oft bis zu zwanzig Mal! Jede Spur wurde leicht verschoben oder in der Lautstärke variiert. So entstand dieser schillernde, metallische Klang, der ABBAs Musik so einzigartig macht.
Am Ende hatte man eine richtige Klangwand aus zwei bis vier Stimmen, dicht und voll, aber auch kristallklar.
Zweistimmige Passagen
Agnetha und Frida sangen oft solo, aber auch in perfekten harmonischen Intervallen, meistens in Terzen oder Sexten. Das gab den Gesangslinien etwas Offenes. Ihre Stimmen unterschieden sich: Agnethas eher hell, klar und kraftvoll, Fridas dunkler und wärmer.
Klangarchitektur im Studio
Michael B. Tretow verwendete zusätzlich zum Overdubbing schon in den 1970ern Studioeffekte, die ihrer Zeit voraus waren – etwa Phasing, künstlichen Hall und andere. Ziel war, dass ABBAs Songs auf einem kleinen Radio genauso gut klingen wie in einer großen Halle.
Emotion, Melancholie und Drama
Trotz aller Perfektion ist in ABBAs Musik immer eine gewisse Melancholie zu spüren – besonders in Songs wie The Winner Takes It All oder Knowing Me, Knowing You. Diese Mischung aus makelloser Produktion und echter Emotion machte sie so unwiderstehlich und zeitlos.
Die Texte handelten gerne von Liebesdramen oder Liebesglück und die Melodieführung fing diese Stories gerne auf. Die Songs sind ähnlich wie bei Queen kleine abgeschlossene Dramen. Jeder Song erzählt eine spannende Geschichte, mal leise vor sich hinplätschernd, mal einlullernd, dann wieder aufregend, traurig, euphorisch, powerfull oder romantisch.
Dabei nimmt der Songaufbau die Zuhörer aber immer absolut genial mit. ABBA erzählten nie eine Geschichte, die nur sie selbst betraf, sondern es sind Gefühle, Ereignisse, die jeden treffen können und die wohl jeder nachfühlen kann. Das schaffte die große Einheit zwischen Musikern und Publikum – und machte die Band so über alle Maßen gefragt und beliebt.
ABBA heute – müder geworden und weniger dramatisch
Nach dem Comeback von 2021 lässt sich feststellen: Sie können es noch und zwar alle vier! Aber man merkt ihnen ihre Lebenserfahrung und ihre Distanz zu allem Aufwühlenden an.
Nostalgie trifft auf moderne Technik
Fast vierzig Jahre nach ihrer Trennung überraschte ABBA die Welt mit dem neuen Album: „Voyage“. Millionen Fans fragten sich: Wie würde das klingen? Modern, elektronisch – oder ganz klassisch? Die Antwort war: beides.
Voyage bleibt unverkennbar ABBA – mit den typischen Harmonien, dem mehrstimmigen Gesang und den emotionalen Melodien. Doch die Produktion ist heutiger: digital, klarer abgemischt, mit mehr Raum für einzelne Stimmen und Instrumente. Also auch weniger Bombastik, was den eingefleischten Fans dann halt doch fehlt.
Der Unterschied liegt weniger in der Komposition als in der Klangästhetik. Früher schuf Michael B. Tretow den berühmten „Wand-aus-Klang“-Effekt mit analogen Mitteln und Bandmaschinen.
Heute übernehmen moderne Software und präzises digitales Mixing diese Aufgabe. Dadurch klingt Voyage transparenter und luftiger, aber auch weniger „magisch dicht“ als die Klassiker der 70er.
Trotzdem bleibt die Handschrift unverkennbar. Songs wie I Still Have Faith in You oder Don’t Shut Me Down zeigen, dass Benny und Björn nichts von ihrem Gespür für Melodie, Harmonie und Emotion verloren haben. Der große Unterschied: Heute singen Agnetha und Frida mit reiferen Stimmen – etwas dunkler, wärmer, auch sehr berührend, aber insgesamt müder und distanzierter.
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Diesen Effekt hat man bei vielen großartigen Sängern der 80er Jahre. Es ist oft der Lauf der Zeit. Aber es ist auch oft die Tatsache, dass diese Menschen sich auf der Bühne und in den Hochphasen des Erfolgs sehr ausgebrannt haben. Das schlägt sich auch auf die Stimme nieder. Es fehlt die Energie, die Stimme noch mal so hochzuschrauben wie früher oder sich seine Seele aus dem Leib zu singen.
Titelbild: Abbatare 2021, copyright: Industrial Light&Magic

