Jodeln ist UNESCO-Weltkulturerbe

Jodlerin

 

Das ist uns eine Nachricht wert: Das Jodeln hat es doch tatsächlich in die Riege der Weltkulturerbe geschafft und muss ab jetzt ernstgenommen werden! Ob es nun auch an den Musikhochschulen gelehrt wird, ist eine andere Frage.

Jodeln hat ja lange ein Imageproblem gehabt. Für viele stand es einfach zu sehr für Trachtenromantik, Alpenkitsch und Heimatabende. Etwas, das man respektiert, aber nicht ernsthaft als zeitgemäße Gesangskunst betrachtet. Umso bemerkenswerter ist es, dass die UNESCO das Jodeln offiziell in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hat.

Was auf den ersten Blick wie eine kulturelle Randnotiz wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als starkes Signal – vor allem für Sänger:innen.

Denn ausgezeichnet wurde nicht ein Folklorebild, sondern eine lebendige vokale Praxis. Eine Technik, die bis heute weitergegeben wird, sich verändert, neue Kontexte findet und dabei etwas bewahrt, das im modernen Gesang oft verloren geht.

Registerbruch als Stilmerkmal

Im Jodeln ist der Registerbruch kein Problemfall. Er ist sein Kern! Der Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme wird nicht versteckt, nicht weichgezeichnet, nicht pädagogisch entschärft. Er darf knacken, springen, überraschen. Genau das macht ihn emotional wirksam.

Für viele Sänger ist das eine stille Provokation. Denn jahrelang lernt man, Übergänge zu glätten, Register anzugleichen, Brüche zu vermeiden. Das Jodeln stellt diese Logik einfach auf den Kopf.

Hinzu kommt etwas, das in Zeiten von Studioästhetik und perfektionierter Stimmkontrolle fast radikal wirkt: Jodeln ist sehr körperlich. Es entsteht nicht aus dem Wunsch nach makellosem Klang, sondern aus Resonanz, Atem, Raum. Oft ohne Text, manchmal ohne Absicherung, immer in direkter Verbindung zum Körper. Die Stimme wird nicht optimiert, sondern zugelassen.

Gerade deshalb wirkt Jodeln auf viele moderne Sänger überraschend aktuell. Wer improvisiert, mit Klangfarben experimentiert oder sich jenseits klassischer Genres bewegt, erkennt darin schnell eine Verwandtschaft. Es geht um Präsenz, nicht um Perfektion. Um Ausdruck, nicht um Normierung.

Dass die UNESCO diese Form des Singens nun würdigt, hat auch mit ihrer Wandlungsfähigkeit zu tun. Jodeln ist längst nicht mehr auf traditionelle Kontexte beschränkt. Es findet seinen Weg in zeitgenössische Musik, in Crossover-Projekte, in die Forschung an Musikhochschulen. Es bleibt erkennbar und verändert sich dennoch. Genau darin liegt seine Stärke.

Für Sänger:innen ist diese Anerkennung mehr als ein kulturelles Gütesiegel. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser UNESCO-Entscheidung: Nicht jede Stimme muss glatt sein. Nicht jeder Übergang muss unsichtbar werden. Manchmal liegt die größte Ausdruckskraft genau dort, wo etwas hörbar kippt.

Jodeln zeigt, dass Gesang auch dann berührt, wenn er sich nicht anpasst. Oder gerade dann.

 

Welche bekannten Jodler gibt es denn?

JodlerinWer im Alpenraum zuhause ist, wird persönlich viele gute Jodler kennen. Aber welche erreichen die große Masse? Es gibt tatsächlich ein paar prominente Jodler und vielleicht werden es noch mehr.

„Die Sennerin vom Königssee“ ist ein Pop-Hit aus den 80er Jahren mit Jodeleinlage. Ein oft unterschätztes Beispiel ist Franzl Lang, der „König des Jodelns“. Klingt erst einmal brav, war stimmlich aber alles andere als harmlos.

Seine Registersprünge sind extrem, sein Stimmvolumen brutal präsent. Wer genau hinhört, merkt schnell: Das ist kein nettes Singen, das ist ein körperlicher Kraftakt. In Sachen Energie und Direktheit ist das manchmal näher am Hardrock als an Volksmusikromantik.

Noch interessanter wird es bei Hubert von Goisern. Er hat das Jodeln nicht dekorativ eingesetzt, sondern als Ausdrucksmittel – oft roh, manchmal sperrig, immer bewusst gegen die Erwartung.

Seine Mischung aus Rock, Blues, Volksmusik und alpiner Vokaltradition hat vielen erst klar gemacht, dass Jodeln nicht rückwärtsgewandt sein muss, sondern eine Form von musikalischem Widerstand sein kann.

International gedacht landet man fast zwangsläufig bei Yma Sumac. Keine klassische Jodlerin, aber ihre extremen Registerwechsel und vokalen Sprünge funktionieren nach demselben Prinzip.

Ihre Stimme wurde später von experimentellen Rock- und Avantgarde-Musikern gefeiert, gerade weil sie sich jeder Norm entzog. Sie war laut, fremd, unberechenbar – Eigenschaften, die Rock immer ausgezeichnet haben.

Ein moderneres Beispiel wäre Agnes Obel oder auch Björk – nicht wegen des Jodelns im engeren Sinn, sondern wegen der bewussten Nutzung von Brüchen, ungeschönten Übergängen und archaischen Klangideen. Viele dieser Künstlerinnen greifen intuitiv auf Prinzipien zurück, die im Jodeln seit Jahrhunderten angelegt sind.

Und dann gibt es natürlich die Grenzgänger: experimentelle Vokalensembles, Noise-Projekte, Post-Rock-Acts, die mit Stimme als Klangmaterial arbeiten. Dort taucht Jodeln oft nicht als Zitat auf, sondern als Technik – entkernt, verfremdet, neu kontextualisiert. Genau das ist sehr rockig.

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert