RUSH geht 2027 auf Tournee mit deutscher Drummerin Anika Nilles

Bild von Konzertbühne, Schlagzeug

 

Nach mehr als zehn Jahren Pause kehrt die Artrockikonen-Band RUSH auf die Bühne zurück. Die „Fifty Something“-Tour feiert über fünf Jahrzehnte Bandgeschichte – und würdigt zugleich das Vermächtnis des 2020 verstorbenen Schlagzeugers Neil Peart.

RUSH 2027: Ein neues Live-Kapitel mit deutscher Schlagzeugerin

Wie unter anderem die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtete, beschrieb Geddy Lee die Rückkehr nicht als gewöhnliche Tournee, sondern als bewusste Feier der Bandgeschichte. Wörtlich sagte er laut dpa:

Es ist nicht nur eine Tour für uns, es soll eine Feier werden. Wir feiern Neil. Wir feiern all diese Songs, die wir in über 50 Jahren geschrieben haben. Es wird wirklich ein Jubiläumsfest und ein Rückblick auf unser musikalisches Leben.

Auch Pearts Witwe Carrie Nuttall-Peart und Tochter Olivia äußerten sich in einem gemeinsamen Statement, das laut CBS sowie dem Magazin Metal Hammer veröffentlicht wurde. Darin heißt es unter anderem:

Neils musikalisches Können war einzigartig. Als Drummer und Schreiber war er unersetzlich. […] Das neue Kapitel, das die Band nun aufschlägt, verspricht wahrlich unvergesslich zu werden.

Die Familie betont darin ausdrücklich, dass die kommende Tour auch als Würdigung seines künstlerischen Erbes verstanden werden soll.

-> Lies auch unser Portrait der Band RUSH!


Aber: „Wie ersetzt man jemanden, der unersetzlich ist?“

Im offiziellen Ankündigungsvideo zur Tour, das im Oktober 2025 über die Social-Media-Kanäle der Band veröffentlicht wurde, stellt Geddy Lee die zentrale Frage:

„How do you replace someone who is irreplaceable?“

Die Antwort lautet nun also: Anika Nilles! Die hübsche 42-jährige hat sich als Drummerin international längst einen Namen gemacht und wurde nicht zuletzt durch ihre Zusammenarbeit mit der mittlerweile verstorbenen Rocklegende Jeff Back einem noch breiteren Publikum bekannt.

Im offiziellen Statement zur Tour erklärt Lee:

We couldn’t be more excited to introduce her to our loyal and dedicated Rush fans.“

Im Video schildert er zudem wie der Kontakt zustande kam. Sein Bass-Techniker, der zuvor mit Jeff Beck auf Tour gewesen sei, habe ihn auf Nilles aufmerksam gemacht. Weiter wird Lee dort mit den Worten zitiert:

We heard our songs come back to life. Only after those successful rehearsals with her did I feel: Yes, we can do this.

Für die Europa-Termine wird außerdem Keyboarder Loren Gold Teil des Live-Line-ups sein, wie aus dem offiziellen Tourplan hervorgeht.

-> Lest hier das erste Interview mit Anika Nilles zu ihrer Tour mit Rush (auf englisch):
Anika Nilles is going on tour with Rush — the very first interview – Slagwerkkrant.nl

Deutschlandtermine 2027

Die Europatour umfasst 22 Termine in 13 Ländern. In Deutschland sind fünf Konzerte geplant:

  • 21.02.2027 – Berlin, Uber Arena
  • 25.02.2027 – München, Olympiahalle
  • 28.02.2027 – Köln, LANXESS Arena
  • 02.03.2027 – Hamburg, Barclays Arena
  • 04.03.2027 – Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle

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Porträt: Drummerin Anika Nilles


Anika Nilles wurde in Aschaffenburg geboren und begann im Alter von fünf Jahren Schlagzeug zu spielen. Ihr Vater war ebenfalls Drummer. Zunächst studierte sie Sozialarbeit und arbeitete als Erzieherin, bevor sie sich entschloss, ihren beruflichen Weg vollständig der Musik zu widmen.

In Interviews – unter anderem mit Modern Drummer, Drumeo, „15 Questions“ sowie „The Beat“ – sprach sie offen über diesen Schritt. Gegenüber „Modern Drummer“ sagte sie rückblickend:

I knew I was not really happy in that job. But when you earn money and have security, it’s not easy to quit.

Über ihre intensive Übepraxis an der Popakademie Baden-Württemberg erzählte sie bei Drumeo:

When I practiced at university, I closed the doors and covered the windows so no one could see who was playing.

Und im Interview mit „15 Questions“ beschrieb sie ihr Verhältnis zum Instrument so:

For me, playing drums often feels like yoga – it’s just me and the instrument, and everything else disappears for a while.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte Nilles in den frühen 2010er-Jahren über ihren YouTube-Kanal. 2022 spielte sie über 60 Konzerte an der Seite von Jeff Beck. Seit 2021 leitet sie die Schlagzeug-Abteilung der Popakademie Baden-Württemberg. Nilles gilt unter Drummern als die „Quintolen“-Queen.

Zwischen Vermächtnis und Aufbruch

RUSH haben seit 1974 kein neues festes Mitglied mehr aufgenommen. Dass nun eine deutsche Schlagzeugerin das ikonische Werk von Neil Peart live interpretieren darf, markiert einen historischen Moment in der Bandgeschichte.

Es ist keine bloße Reunion, sondern eine bewusste Entscheidung für Bewegung statt Stillstand – für Erinnerung ohne Stilllegung. Wer die drei Musiker zusammen erlebt, merkt: Hier stimmt einfach die Chemie und hier passiert etwas Neues.

Musik von Legenden lebt eben nicht im Museum, sondern im Moment, auf der Bühne, im nächsten Schlag. Für Drummer hat sich die Welt seit und mit Neil Peart natürlich weiter entwickelt und Nilles gilt mit ihrem ureigenen Stil als eine der angesagtesten Drummer:innen des Modern Age.

Fun-Fact: Sie selber hörte vorher kein RUSH, sie kannte zwar „Tom Sawyer“ als Drummer-Paradestück zum Üben und Lernen, aber die meisten anderen Songs nicht.

Warum gilt Neil Peart als „unersetzlich“?

Neil Peart war nie „nur“ Schlagzeuger bei RUSH, sondern Architekt, Erzähler und Motor zugleich.

Sein Stil verband technische Virtuosität mit kompositorischer Intelligenz. Während viele Rockdrummer primär Groove und Energie liefern, verstand Peart das Schlagzeug als orchestrales Instrument.

Seine Sets waren monumentale Klanglandschaften – mit mehrfachen Tom-Reihen, Glockenspielen, elektronischen Pads und Percussion-Instrumenten aus aller Welt. Legendär waren seine ausgedehnten Drum-Soli, die weniger Solo-Exzesse als vielmehr strukturierte Kompositionen waren.

Musikalisch prägten ihn Progressive Rock, Jazz, Big-Band-Traditionen und später auch Weltmusik-Rhythmen. Ungewöhnliche Taktarten wie 7/8 oder 5/4 integrierte er selbstverständlich in Rocksongs, ohne sie verkopft wirken zu lassen. Und das ist vielleicht das Kennzeichen von RUSH: Obwohl die Songs hochkomplex sind und waren, erreichten sie doch Millionen von Musikfans auf der Welt.
Stücke wie „Tom Sawyer“ oder das epische „2112“ sind ohne Pearts rhythmische Dramaturgie kaum denkbar.

Hinzu kam: Peart war Haupttexter der Band. Seine Lyrics verbanden Science-Fiction-Motive, philosophische Fragen, Individualismus und Gesellschaftskritik. Damit formte er nicht nur den Sound, sondern auch die geistige Identität von RUSH.

Gerade diese Doppelrolle – Rhythmusvisionär und lyrischer Ideengeber – macht ihn in den Augen vieler Fans unersetzlich. Seine Parts sind nicht bloß technisch anspruchsvoll; sie sind strukturell mit den Songs verwoben. Man kann sie spielen – aber man kann sie kaum ersetzen.

Wenn Geddy Lee im Ankündigungsvideo fragt: „How do you replace someone who is irreplaceable?“, meint er genau diese besondere Konstellation: einen Musiker, dessen Persönlichkeit so tief in das Gefüge der Band eingeschrieben ist, dass jede Weiterführung automatisch ein Neudenken bedeutet.


Rhythmische DNA im Vergleich

Wer das Spiel von Neil Peart verstehen will, kann sich den Groove von „Tom Sawyer“ anhören. Der Song steht nominell im 4/4, doch Peart durchbricht die Geradlinigkeit immer wieder durch synkopierte Hi-Hat-Akzente und markante Snare-Verschiebungen.

Besonders im Mittelteil arbeitet er mit einem 7/8-Pattern, das nicht als Bruch, sondern als organische Erweiterung wirkt. Seine Fills sind linear gedacht, oft über das gesamte Kit orchestriert – von hohen Toms zu tiefen, mit klarer melodischer Richtung.

Noch deutlicher wird sein architektonisches Denken in „Subdivisions“: Dort legt er ein dichtes Netz aus Sechzehntel-Figuren über einen pulsierenden Synthesizer-Teppich. Die Snare sitzt nicht einfach auf zwei und vier, sondern wird Teil eines größeren rhythmischen Gefüges. Peart spielt nicht „über“ die Musik – er baut sie mit.

Anika Nilles hingegen arbeitet in vielen ihrer eigenen Stücke mit subtileren Verschiebungen innerhalb eines scheinbar stabilen Pulses. In „Wild Boy“ etwa kombiniert sie gerade Sechzehntel auf der Hi-Hat mit Ghost-Note-Figuren auf der Snare, die mikro-timingmäßig leicht hinter dem Beat liegen. Das erzeugt eine elastische Spannung, die weniger monumental als vielmehr fließend wirkt.

Ein weiteres Merkmal ihres Spiels ist die Unabhängigkeit der Gliedmaßen: Während Peart komplexe Taktarten oft klar strukturierte und symmetrisch auflöste, liebt Nilles asymmetrische Akzentgruppen – zum Beispiel Fünfer- oder Siebener-Phrasen über einem 4/4-Grundpuls. Dadurch entsteht ein „Schweben“ über dem Beat, das eher aus der Fusion- und Gospel-Tradition kommt.

Technisch sind beide auf höchstem Niveau – doch ihre Energiezentren unterscheiden sich:

  • Peart: Kraft, Klarheit, kompositorische Dramaturgie
  • Nilles: Beweglichkeit, Mikrostruktur, organischer Flow

Für die Tour bedeutet das: Die ikonischen Parts werden technisch reproduzierbar sein – aber ihre innere Bewegung könnte sich verändern. Und genau darin liegt die Spannung dieses neuen Kapitels.

Warum fiel die Wahl auf Anika Nilles?

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob jemand Neil Peart „ersetzen darf“, sondern wer in der Lage ist, dieses Repertoire glaubwürdig zu interpretieren.

Bei Anika Nilles kommen mehrere Faktoren zusammen, die sie für diese Aufgabe außergewöhnlich qualifizieren.

1. Technische Souveränität auf Weltniveau

RUSH-Songs verlangen absolute rhythmische Präzision. Komplexe Taktarten, schnelle Wechsel, orchestrale Fills über das gesamte Set – all das erfordert nicht nur Technik, sondern strukturelles Verständnis.

Nilles gehört seit den frühen 2010er-Jahren zur internationalen Elite moderner Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger. In der Drummerszene genießt sie hohes Ansehen, nicht als Social-Media-Phänomen, sondern als musikalisch durchdachte Instrumentalistin. Ihre Unabhängigkeit der Gliedmaßen, ihr sauberes Timing und ihre dynamische Kontrolle gelten als außergewöhnlich.

2. Musikalisches Denken – nicht nur Virtuosität

Was Peart auszeichnete, war sein kompositorischer Ansatz. Genau hier liegt eine Parallele: Nilles denkt ebenfalls in Strukturen. Ihre eigenen Kompositionen zeigen, dass sie rhythmische Konzepte entwickelt, nicht bloß spektakuläre Licks spielt.

Sie versteht Form, Spannungsaufbau und Dramaturgie – Fähigkeiten, die bei RUSH essenziell sind. Es geht nicht darum, schnell, laut und virtuos zu trommeln, sondern die Songs mitzutragen. Auch in ihrer eigenen Band „Nevell“ werden die Songs um die Drumparts herumkomponiert.

3. Erfahrung auf großen Bühnen

Ihre Zusammenarbeit mit Jeff Beck war ein wichtiger Schritt. Beck war bekannt dafür, nur mit musikalisch absolut souveränen Persönlichkeiten zu arbeiten. Wer in seiner Band spielte, musste flexibel reagieren, zuhören und spontan gestalten können.

Mehr als 60 Konzerte mit einem der anspruchsvollsten Gitarristen der Rockgeschichte sind ein Qualitätssiegel.

4. Eigenständigkeit statt Imitation

Ein weiterer entscheidender Punkt: Sie ist keine „Peart-Kopie“. Viele technisch brillante Drummer könnten seine Parts note-for-note reproduzieren. Aber RUSH brauchen jemanden, der das Material respektiert, ohne zur bloßen Reproduktion zu erstarren.

Nilles bringt eine eigene rhythmische Sprache mit – und genau das macht sie interessant. Sie kann die Originalparts spielen. Aber sie kann ihnen auch ihren eigenen Atem geben. Wir sind auf die Tour jedenfalls sehr gespannt!

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