Tigran Hamasyan – armenischer Pianist zwischen den Stilwelten

Tigran Hamasyan 5 (Arnos Martirosyan) print

Jazz, Prog-Rock, armenische Volksmusik und sakrale Klänge: Tigran Hamasyan lässt sich in keine musikalische Schublade stecken. Der Pianist und Komponist gehört zu den eigenwilligsten Stimmen des modernen Jazz und beweist, dass sein Instrument gleichzeitig virtuos, archaisch, schwer und schwebend leicht klingen kann.

Wer Tigran Hamasyan zum ersten Mal hört, fragt sich vielleicht: „Was ist das, wo kommt das her? Ist das Jazz, Progressive Rock, Weltmusik, Filmmusik, Klassik oder vielleicht Metal – am Piano?“ Die Antwortet lautet: „Ja.“

Der 1987 im armenischen Gyumri geborene Musiker begann bereits mit drei Jahren Klavier zu spielen. Als Elfjähriger trat er bei Festivals und Wettbewerben auf. 2003 gewann er den Klavierwettbewerb des Montreux Jazz Festival, zwei Jahre später folgte der Sieg beim renommierten Thelonious Monk International Jazz Piano Competition. Damit war früh klar, dass hier ein außergewöhnliches pianistisches Talent heranwuchs.

Doch seine technische Brillanz allein erklärt nicht, warum Hamasyan so unverwechselbar klingt und auch so beliebt bei Musikfans ist.

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Zwischen Jazzclub und armenischer Geschichte

Ein wesentlicher Schlüssel zu seiner Musik liegt in seiner armenischen Herkunft: Hamasyan greift immer wieder auf Melodien, Rhythmen und musikalische Traditionen Armeniens zurück. Besonders intensiv beschäftigte er sich mit der sakralen Musik seines Heimatlandes.

Auf seinem Album „Luys i Luso“ verband er armenische Kirchenmusik aus einem Zeitraum vom 5. bis zum 20. Jahrhundert mit improvisiertem Klavierspiel und dem Yerevan State Chamber Choir. Die historischen Melodien wurden dabei von ihm neu arrangiert, ohne dass ihr ursprünglicher Charakter in einer modernen Jazzbearbeitung verloren ging.

Hamasyan geht mit Tradition nicht um wie mit einem Museumsexponat: Er nimmt sie auseinander, untersucht die rhythmischen und melodischen Strukturen und setzt sie anschließend in einen völlig anderen musikalischen Zusammenhang.

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Tja, an wen erinnert das eigenwillige Piano die Jazz-Fans, die schon seit den 90ern dabei sind? Richtig, an Aziza Mustafa Zadeh! Die schöne, langhaarige Pianistin wirbelte damals die Jazz-Welt ordentlich durcheinander mit ihrem virtuosen, fremdländisch-exotischem und sehr eigenwilligem Klavierspiel.

Beide Musiker zeigen, dass kulturelle Herkunft und moderne musikalische Freiheit keine Gegensätze sein müssen: Bei Zadeh ist es der Mugam, bei Hamasyan sind es armenische Melodien und Rhythmen. Sie machen aus ihrer musikalischen Herkunft keinen Museumsbestand, sondern Rohmaterial für etwas Neues.

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Der gute alte Jazz muss auch immer wieder neu belebt werden und braucht vielfältige Einflüsse um interessant zu bleiben und neue Generationen anzusprechen.

Tourdaten

Pianist mit Rock-Attitüde

Hamasyans Spiel ist weit entfernt vom klassischen Bild des Jazzpianisten, der entspannt und selbstvergessen über ein Thema improvisiert.

Sein Klavierspiel wirkt sehr dynamisch, aufregend und percussiv: Rhythmische Figuren wiederholen, verdichten und verlieren sich auch wieder. Bass und Schlagzeug treiben sehr pointiert voran und geben den Stücken die notwendige Struktur, die sie groovig werden lassen, statt sie ins Nirwana der wilden Tonfolgen abschwirren zu lassen.

Progressive Rock und Metal sind dabei durchaus hörbare Elemente. Hamasyan arbeitet gerne mit ungewöhnlichen Taktstrukturen, ohne dass die Musik zu einer Demonstration musikalischer Mathematik wird: Virtuosität ist hier kein Selbstzweck.

Auch wenn seine Finger über die Tastatur rasen, bleibt immer eine Melodie, eine Stimmung oder eine Geschichte im Zentrum. Ich finde das besonders faszinierend an solchen erfolgreichen Virtuosen: Ihnen gelingt es das Publikum mit auf die Reise zu nehmen, während sich andere in ihrer Virtuosität einfach verlieren.

Das ist aber auch etwas, was man erlernen kann und was Disziplin und Selbstbeobachtung erfordert, sich fragen „Wo driftet mein Stück ab, wo verliere ich die Zuhörer?“ Jedenfalls ist es immer wieder spannend zu sehen, dass das Publikum offen für komplizierte Klänge ist und beileibe nicht grundsätzlich mit einfachen Strukturen zufrieden ist.

Wenn das Schlagzeug zum zweiten Erzähler wird

Der besonderer Reiz von Tigran Hamasyans Musik liegt in seiner Rhythm Section: Bass und Schlagzeug sind bei ihm viel mehr als das rhythmische Fundament für sein Piano. Sie geben wie gesagt, den Stücken Struktur, erzeugen Spannung und treiben sie mit einer Wucht voran, die mehr an Progressive Rock oder Metal als an klassischen Jazz erinnert.

Gerade das Schlagzeug hat dabei die Rolle des zweiten Erzählers: Es antwortet auf Hamasyans Klavierspiel, setzt Gegenakzente, verschiebt Schwerpunkte und greift rhythmische Motive auf. Der Bass wiederum sorgt dafür, dass die oft komplexen und verschachtelten Konstrukte nicht auseinanderfallen, sondern trotz aller rhythmischen Freiheit einen klaren musikalischen Sog entwickeln.

Das ist wichtig, denn Hamasyans pianistische Virtuosität allein könnte leicht überladen wirken. Erst im Zusammenspiel mit den anderen Musikern entsteht diese eigentümliche Spannung aus Kontrolle und Freiheit. Das Piano darf sich überschlagen – weil die Rhythm Section dafür sorgt, dass die Songs auf dem musikalischen Teppich bleiben.

„Mockroot“ und der eigene Sound

International bekannt wurde Hamasyan unter anderem durch seine Arbeiten für das Plattenlabel Nonesuch. „Mockroot“, 2015 erschienen, brachte ihm den Echo Jazz Award als internationaler Piano-Instrumentalist ein. Es folgten unter anderem „An Ancient Observer“, „For Gyumri“, „Revisiting the Film“ und „StandArt“.

Schon in diesen Produktionen zeigte sich, wie weit sich sein musikalischer Horizont erstreckt.

Mal klingt Hamasyan lyrisch und beinahe meditativ, dann wieder explosiv und rhythmisch komplex. Elektronische Elemente stehen neben akustischem Piano, folkloristische Melodien treffen auf moderne Grooves. Und immer wieder scheint das armenische musikalische Erbe durch.

„The Bird of a Thousand Voices“ – ein Mythos wird Musik

Besonders ambitioniert war das Projekt „The Bird of a Thousand Voices“, das 2024 veröffentlicht wurde.

Ausgangspunkt ist das armenische Märchen „Hazaran Blbul“. Darin macht sich ein Held auf die Suche nach einem mythischen Vogel, dessen tausend Gesänge die Menschen wieder miteinander verbinden und Harmonie bringen können.

Hamasyan entwickelte daraus mehr als ein Album: Das Projekt verbindet Musik, Theater, Film, Lichtkunst und eine digitale Komponente. Das Doppelalbum umfasst 24 Kompositionen und verbindet armenische musikalische Traditionen mit Improvisation und modernen Klangwelten.

Das passt perfekt zu Hamasyans gesamtem musikalischen Ansatz: Seine Musik scheint häufig nach etwas Vergangenem zu suchen – aber nicht, um dort stehenzubleiben!

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Der folgende Song ist besonders beeindruckend und in 23 Ländern verboten!! Aus verschiedenen Gründen – wie er wäre dämonisch oder würde Leute krank machen. Ich finde ihn besonders gut (dann bin ich halt auch dämonisch…), besonders wegen der Rhythm Section, die das absichtliche Chaos des Pianos beeindruckend kontrolliert. Würden Drums und Bass hier nicht so exzellent dagegen steuern – das gebe ich zu – würde das Piano wohl extrem nerven.

 

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„Manifeste“: die Suche nach dem eigenen Ich

Zum 2026 erschienenen Album „Manifeste“ sagt  Hamasyan, es ist ein schöpferischer Prozess, ein ständiges Suchen, Graben und Freilegen dessen, was vielleicht schon immer in ihm vorhanden war.

Klavier, Synthesizer und elektronische Klänge treffen auf Chor, armenische Melodien und schwere, progressive Rock- und Metal-artige Rhythmen.

Mit dabei sind unter anderem Bassist Marc Karapetian, Schlagzeuger Matt Garstka, Arthur Hnatek sowie der Yerevan State Chamber Choir. Es ist keine Musik, die unbedingt gefallen will, sondern eher etwas erforschen. 

Musiker zwischen den Welten

Am besten lässt sich sein Schaffen als eine Art musikalischer Dialog beschreiben: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Improvisation und Komposition, zwischen akustischen Instrumenten und Elektronik, zwischen Stilwelten und zwischen den Kontinenten.

Tigran Hamasyan klingt wie jemand, für den Grenzen schlicht nicht existieren.

Wer sich auf seine Musik einlässt, sollte deshalb nicht versuchen, sie zu sehr einzuordnen – besser man versteht und genießt sie  als Klangreise.

 

Titelbildrechte: Arnos Martirosyan © 2026

 

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