Musiker auf Instagram – warum Talent alleine nicht reicht

Sepph musician

 

Für unser Musikmagazin ist Instagram ein Paradies: eine Fundgrube an genialen Musikern, neuen Sounds und Instrumenten! Für Musiker selber ist es eine riesen Chance, aber auch mega anstrengend und absolut nicht jedermanns Sache. Wir starten eine Reihe zu diesem Thema, analysieren die Situation für Musiker auf Instagram und geben Tipps.

Vielleicht hast du dich gewundert, warum wir längere Zeit nichts gepostet haben, aber auch wenn wir nicht aktiv sind, verfolgen wir doch weiterhin die Musikszene und entdecken Interessantes vor allem auf Instagram.

Instagram ist längst nicht mehr nur eine Plattform, auf der bekannte Künstler ihre neuen Alben ankündigen. Für unabhängige Musiker kann Instagram heute Bühne, Schaufenster, Netzwerk, Visitenkarte und Entdeckungsplattform zugleich sein.

Es ist wieder eine ganz andere Bühne als zu Beginn von Social Media mit Musikerplattformen wie myspace oder soundcloud etc. Instagram ist sehr eigen, zwar auch super schnell und anstrengend – aber man kann die sensationellen Möglichkeiten für Musiker einfach nicht ignorieren.

Und: Für Musik macht Instagram auch wirklich Sinn! Sinn – soll heißen, ganz anders, als der ganze Influencer-Konsum-Schrott, mit dem wir täglich berieselt werden. Ja, man kann sagen, dank der Musiker bekommt Instagram Niveau. Aber Musiker müssen Instagram ganz anders nutzen als die Influencer und Comedians, die auch viel Aufwand haben, aber nach einem einfacheren System vorgehen können.

Musiker haben jetzt das Problem, dass sie mit einer unglaublich großen Masse an anderen Musikern um Aufmerksamkeit buhlen müssen. Das mühsam einstudierte Gitarrenriff können zig andere, vielleicht noch blutjunge Musiker, noch schneller und besser – die eigenen Songs haben nicht genug Drive um mit anderen mitzuhalten – und es bleibt nicht so viel Zeit um die Aufmerksamkeit der User zu fesseln, oft nur ein paar Sekunden.

Dabei spielt auf Instagram natürlich auch die visuelle Seite eine Rolle – und das sorgt nicht immer für Begeisterung. Gerade Musikerinnen erleben, dass ein attraktives Vorschaubild oder ein bewusst körperbetont inszeniertes Reel sehr schnell Aufmerksamkeit erzeugen kann. Ein neuer Fan kommt dann möglicherweise zunächst über das Bild zum Account und entdeckt die Musik erst im zweiten Schritt.

Für manche männliche Musiker ist das durchaus frustrierend: Da kann es schon einmal befremdlich wirken, wenn ein kurzer Ausschnitt oder ein knappes Bühnenoutfit innerhalb kürzester Zeit mehr Aufmerksamkeit bekommt als ein technisch anspruchsvolles Gitarrensolo.

Aber genau darin zeigt sich, wie sehr sich die Spielregeln verändert haben. Musiker konkurrieren auf Instagram nicht mehr ausschließlich über ihre Musik. Sie konkurrieren um Aufmerksamkeit – mit Bildern, Persönlichkeit, Inszenierung und natürlich mit dem Sound. Es ist eine neue Welt, in der visuelle und auditive Reize miteinander verschmelzen.

Wie soll man als Musiker in dieser unglaublichen Masse überhaupt noch auffallen?

Denn während früher vielleicht eine Plattenfirma, ein Musikjournalist oder ein Veranstalter den entscheidenden Kontakt herstellen konnte, stehen heute Millionen Musiker direkt nebeneinander im digitalen Schaufenster.

Talent ist weiterhin wichtig. Vielleicht sogar wichtiger denn je. Aber Talent allein sorgt noch lange nicht dafür, dass jemand auf „Folgen“ klickt.

Instagram ist für Musiker längst mehr als Werbung

Wer Instagram hauptsächlich als Ort betrachtet, an dem man seine neue Single ankündigt, verschenkt einen großen Teil der Möglichkeiten.

Natürlich gehört die eigene Musik dorthin, schließlich möchte niemand einen Musiker kennenlernen, dessen Musik er anschließend nicht hören kann. Aber Instagram funktioniert anders als ein Plattencover.

Ein Nutzer begegnet einem Musiker dort nicht unbedingt, weil er gezielt nach ihm gesucht hat. Er wird ihm von Instagram vorgeschlagen. Vielleicht sieht er einen Ausschnitt eines Songs. Vielleicht ein Gitarrensolo. Vielleicht einen kurzen Ausschnitt aus einer Probe.

Und innerhalb weniger Sekunden entscheidet sich:

Weiterscrollen oder bleiben?

Das macht Instagram für Musiker gleichzeitig schwierig und interessant. Denn ein völlig unbekannter Künstler kann heute theoretisch neben einem internationalen Star auftauchen. Er braucht dafür nicht zwingend ein großes Label.

Er braucht zunächst nur einen Moment, der jemanden neugierig macht.

Der erste Eindruck ist wichtiger geworden

Wer auf das Profil eines unbekannten Musikers kommt, stellt sich meistens nicht bewusst fünf Fragen. Trotzdem läuft im Kopf etwas Ähnliches ab:

  • Wer ist das?
  • Wie klingt das, was er macht?
  • Gefällt mir das?
  • Ist das nur ein einzelnes gutes Video oder steckt dahinter mehr?

Also:

Möchte ich davon mehr hören und sehen?

Genau deshalb sollte ein Musiker sein Instagram-Profil nicht nur als Ablage für einzelne Posts betrachten. Es ist seine digitale Visitenkarte.

Ein Besucher sollte möglichst schnell erkennen können, wer hier Musik macht. Ein klarer Künstlername, ein aussagekräftiges Profilbild, eine verständliche Bio und ein direkter Weg zur eigenen Musik sind keine spektakulären Dinge – aber sie helfen enorm.

Noch wichtiger sind die Inhalte, die beim ersten Besuch zu sehen sind: Vielleicht sind deshalb angepinnte Beiträge besonders wertvoll: Sie können zeigen, was einen Musiker ausmacht, ohne dass ein neuer Besucher erst durch hundert ältere Beiträge scrollen muss.

Muss man als Musiker zum Influencer werden?

Zum Glück: Nein. Und das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte.

Musiker müssen nicht plötzlich ihr Frühstück filmen, jeden Tag ihr Privatleben zeigen oder künstlich eine Influencer-Persönlichkeit entwickeln. Im Gegenteil. Gerade für Musiker kann es viel interessanter sein, die eigene musikalische Persönlichkeit sichtbar zu machen.

Viele Musiker punkten aktuell mit trockenem Humor, andere mit Leidenschaft für viele Instrumente, alte Instrumente oder skurrile Instrumente. Das Bandleben ist immer Content wert, hier gibt es haufenweise Anekdoten, Musikerwitze und Typisierungen, die man verwursten kann.

Wer sich eine Weile lang durch Musiker-Accounts scrollt, findet sehr viele Themen, die Musiker bewegen und die für ihre Fans auch interessant sind, auch und gerade, wenn sie selbst kein Instrument spielen oder singen.

Menschen interessieren sich für die Geschichte hinter der Musik

Instagram gibt Musikern erstmalig die Möglichkeit so richtig viel zu erzählen. Die Geschichte hinter den Songs, Sounds, Grooves. Die Vorliebe für bestimmte Sounds und Geräte und Technik. Man kann erzählen, was schon alles schief ging.

Denke nicht, dass das alles zu langweilig wäre für ein potentielles Publikum! Keiner muss deinen Content schauen, aber einige wird es ganz bestimmt interessieren und wer deine Songs und Sounds mag, muss sich nicht die Hintergrundgeschichte reinziehen, aber vielleicht tut er es irgendwann mal.

Du muss nicht perfekt sein – aber zeige, was dich als Musiker besonders macht

Es ist nicht so, dass heute jeder Musiker eine ausgeklügelte Social-Media-Strategie mit zehn verschiedenen Content-Säulen benötigt. Manchmal ist sogar das Gegenteil sinnvoll: Wer versucht, gleichzeitig Comedian, Influencer, Musiklehrer, Lifestyle-Blogger und Musiker zu sein, kann schnell beliebig wirken.

Auch sollte man nicht zu sehr auf Marketing-Strategien setzen, das wirkt nicht nur uncool, sondern nimmt dem Account irgendwie die Seele. Du willst mit Musik hoffentlich nicht die große Kohle machen, sondern Menschen berühren oder zum Tanzen anregen (oder Headbanging…)

Die interessantere Frage lautet:

Was ist das, was dich als Musiker unverwechselbar macht?

Neue Songs vorstellen – 100 Reels?

Eine Sache beobachten wir aktuell besonders häufig: Ein neuer Song wird als Reel veröffentlicht – und kurze Zeit später kommt derselbe Song wieder. Und wieder. Und wieder.

Als Zuschauer kann das durchaus nerven. Als Musiker ist es trotzdem nicht unbedingt eine schlechte Idee. Denn ein Reel erreicht nicht automatisch alle Follower. Und schon gar nicht immer dieselben Menschen. Die Wiederholung kann also durchaus sinnvoll sein.

Nur sollte nicht jedes Mal dasselbe passieren! 

Ein Song kann einmal als Performance erscheinen, später als Akustikversion, dann mit einem Blick ins Studio, anschließend mit einer Geschichte über seine Entstehung und irgendwann vielleicht als Liveaufnahme. Der Song bleibt derselbe, aber der Zugang dazu verändert sich.

Genau darin könnte eine der wichtigsten Regeln für Musiker auf Instagram liegen:

Nicht immer neue Musik produzieren! Sondern immer wieder neue Gründe schaffen, die vorhandene Musik zu entdecken.

Darauf werden wir im zweiten Teil dieser Reihe noch genauer eingehen.

Instagram als digitale A&R-Abteilung

Wer erinnert sich noch? Früher schickte man seine Demos an die A&R Abteilung großer Plattenfirmen und hoffte dann auf den großen Durchbruch. Das persönliche Glück hing davon ab, ob ein genervter A&R Manager Zeit und Lust hatte, sich zufällig das Demo anzuhören und es war wirklich viel Zufall dabei, wie wir durch persönlichen Kontakt mit Sony Managern auf einer Musikermesse mal erfuhren.

Sie bekamen so viele Demos geschickt, dass etliche davon einfach in den Müll wanderten. Pech! Heute ist das zum Glück anders. Neue Musiker werden von den Fans selbst im Internet entdeckt.

Was bedeutet das konkret?

Ein Musiker sollte sich nicht nur fragen: „Wie bekomme ich möglichst viele Likes?“ Interessanter sind andere Fragen:

  • Kann jemand, der mich heute zufällig entdeckt, innerhalb weniger Sekunden verstehen, wer ich bin?
  • Zeige ich mehr als nur Werbung für meine nächste Veröffentlichung?
  • Gibt es einen Grund, mir zu folgen, auch wenn ich gerade keinen neuen Song veröffentliche?
  • Erkennt man nach einigen Beiträgen eine musikalische Persönlichkeit?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Würde ich selbst diesem Musiker folgen, wenn ich ihn heute zum ersten Mal entdecken würde?

Auffallen bedeutet nicht unbedingt laut und schnell und virtuos zu sein

In einem Meer aus Reels, Trends, Musikclips und perfekt produzierten Videos ist es verführerisch, immer noch spektakulärer werden zu wollen. Noch schneller schneiden. Noch größere Effekte. Noch dramatischere Hooks. Noch mehr Posts. Aber vielleicht ist das gar nicht der entscheidende Punkt.

Ein Musiker fällt auch dann auf, wenn etwas Echtes gezeigt wird, vielleicht mit Ecken und Kanten, also auch unperfekt. Vielleicht stehst du als Musiker vor den Möglichkeiten von Instagram wie vor einem riesen Berg und findest deinen Weg nicht! Wir sehen das alles mit mehr Distanz, aus der Sicht der Fans. Wir freuen uns darüber, dass es so viele talentierte Musiker gibt, die sich auf Instagram zeigen. Wir sehen das Perfekte und das Unperfekte und schätzen beides.

Neben den super professionellen Acts, die in ein paar Sekunden überzeugen können und über zig Jahre Erfahrung an Bühnenpräsenz verfügen, erfreuen auch solche Acts, die im Vergleich still und leise in der unaufgeräumten Küche Songs performen. Erfolgreich ist immer das, was berührt.

Vergiss also in erster Linie nicht die Emotionen, wenn du auf Instagram durchstarten willst. Vergiss aber die riesige Konkurrenzwand, denn Musik sollte kein Wettbewerb sein. Dein einziges Ziel darf sein, die Musikfans zu erreichen, die genau deine Musik mögen und sie können gleichzeitig noch viele andere Musiker und Bands gut finden. Konkurrenz ist also kein Problem. Das unüberschaubar große Angebot an Musik auch nicht. Aber ein authentischer Weg, der dich oder deine Band besonders macht, ist der wichtigste Faktor.

 

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