Deutscher Jazzpreis 2026: Aki Takase und ihr Lebenswerk
Am 25. April wird wieder der Deutsche Jazzpreis verliehen und die Preisträgerin in der Kategorie „Lebenswerk“ ist die 78-jährige umtriebige Aki Takase, die einen abwechslungsreichen Stil beherrscht.
Aki Takase: „Jazz ist wie eine Droge“
Sie bietet gefälligen Bar-Jazz genauso wie die anstrengenden, künstlerischen Klangwelten, die im Free Jazz geboren wurden und den Zuhörer ordentlich herausfordern. Nicht jedermanns Sache, aber in jedem Fall große Kunst.
Die Auszeichnung für ihr Lebenswerk bedeutet für Aki Takase „eine große Ehre“ und erfülle sie „mit Stolz“ – vor allem aber gebe sie ihr „den Mut […], meine Musik in neue Richtungen weiterzuentwickeln“.
Seit Jahrzehnten steht Takase für eine musikalische Sprache, die sich zwischen Struktur und Freiheit bewegt. Ihr Zugang ist dabei ebenso reflektiert wie intuitiv: Sie habe sich immer für die Geschichte des Jazz interessiert, erzählt sie, und dafür, „die musikalischen Botschaften von Komponisten und Musikern […] aufzunehmen und sie aus meiner eigenen Perspektive weiterzuentwickeln“.
Dass diese Perspektive so eigenständig geworden ist, hat auch mit ihrem ungewöhnlichen Zugang zur Szene zu tun. Denn zum Jazz kam sie eher beiläufig: Eine Freundin habe sie während des Studiums mit entsprechenden Aufnahmen bekannt gemacht – und dann ging alles schnell. „Jazz ist wie eine Droge – ein starkes Aphrodisiakum. Ehe ich mich versah, war ich in die Welt des Jazz hineingezogen worden.“
Zweifel an ihrem künstlerischen Weg kennt Takase nicht. „Ich hatte nie Zweifel an der Richtung meiner Musik“, sagt sie. Statt sich festzulegen, hat sie sich stets für ein breites Spektrum interessiert: „klassische Musik, zeitgenössische Musik, Jazzimprovisation, Volksmusik“. Nur wenige Bereiche lässt sie bewusst außen vor – „für Popmusik oder Anime-Soundtracks habe ich jedoch absolut kein Interesse“.
Im Zentrum ihres Schaffens steht bis heute die Improvisation. Was sie ihr bedeutet, fasst Takase in zwei Worten zusammen: „Extreme Inspiration“. Ein Satz, der fast wie ein künstlerisches Manifest wirkt – reduziert, aber offen für alles, was im Moment entstehen kann.
Seit den 1980er Jahren lebt und arbeitet sie übrigens in Berlin und liebt die freie Musikszene, die ihr genau den Raum zur Entfaltung gibt, den sie braucht.
Ihre Offenheit prägt auch ihre Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen. Doch sie hat klare Bedingungen: „Wenn die musikalischen Ansichten der Mitmusiker sich von meinen unterscheiden, ist es schwierig, lange zusammen zu spielen.“ Gleichzeitig formuliert sie ein Ideal, das über bloße Übereinstimmung hinausgeht: „Im Idealfall wäre es großartig, wenn wir trotz etwas unterschiedlicher Musikgeschmäcker gemeinsam großartige Musik schaffen könnten.“
Den Wandel der Szene beobachtet sie aufmerksam. Positiv sei, dass sich heute „mehr Frauen für Jazz interessieren als früher“ und entsprechend auch „mehr Musikerinnen“ sichtbar seien. Zugleich verweist sie auf weiterhin bestehende Unterschiede, die nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich geprägt sind.
Künstlerisch nimmt Takase „eine größere Klangvielfalt“, bedingt durch Einflüsse jenseits des klassischen Jazz wahr. Doch dieser Entwicklung steht für sie auch ein Verlust gegenüber: „Es ist […] schade, dass die Dynamik und Spannung, die dem Jazz innewohnen, nachlassen.“
Ihr Blick richtet sich dennoch nach vorn. Mit dem Projekt „Timeless“, das sie gemeinsam mit Daniel Erdmann ins Leben gerufen hat, sucht sie gezielt den Austausch mit jüngeren Musiker:innen. Ziel ist es, „faszinierende Musik von der Vergangenheit bis zur Gegenwart“ neu zu erschließen und herauszufinden, „wohin sich die Musik entwickelt“.
Und auch an die nächste Generation hat sie eine klare Botschaft: „Lasst euch nicht von der Informationsflut verwirren.“ Entscheidend sei etwas anderes: „Vergesst bitte nicht, dass es die Musiker sind, denen wir die Musik verdanken.“ Am Ende gehe es darum, „Musik zu suchen, die ihr eines Tages selbst gerne hören würdet“.
Vielleicht ist genau das der rote Faden in Takases Werk: eine kompromisslose, neugierige Haltung – getragen von Erfahrung, aber nie von Routine.
Kurzbiographie:
- Aki Takase, 1948 in Osaka geboren, studierte Musik in Tokio / Japan.
- Ab 1978 Konzerte und Aufnahmen in den USA und in Japan mit:
Lester Bowie, Joe Henderson, Miroslav Vitous, John Zorn und weiteren. - 1981 erstes europäisches Konzert beim Jazzfest Berlin.
- Ab 1989 gemeinsam mit Alex von Schlippenbach Leitung des Berlin Contemporary Jazz Orchestra.
- Weltweit Konzerte und Aufnahmen mit:
Maria Joao, David Murray, N.H.Ø.Pedersen, Rudi Mahall, Louis Sclavis, Nils Wogram, Han Bennink, Daniel Erdmann und mehr. - 1999 mit dem Kritikerpreis der Berliner Zeitung ausgezeichnet.
- 2002 mit dem SWR-Jazzpreis.
- 2004 Auszeichnung des Albums: „Aki Takase plays Fats Waller“ durch die deutsche Schallplattenkritik.
- 2018 Jazzpreis Berlin.
- 2021 Deutscher Jazz Preis (Piano und Tasteninstrumente).
- 2021 Albert-Mangelsdorfff Preis.
Warum lauter deutsche Preise?
Aki Takase lebt seit vielen Jahrzehnten überwiegend in Deutschland, genauer gesagt in Berlin. Sie wurde zwar in Japan geboren, ist aber schon in den 1980er-Jahren nach Europa gegangen und hat sich hier künstlerisch etabliert.
Wusstest Du? Deutschland hat – gerade im Bereich Jazz und improvisierter Musik – eine ungewöhnlich dichte Förderlandschaft (Preise, Rundfunkproduktionen, Festivals). Künstler:innen, die hier aktiv sind, bekommen entsprechend viele Gelegenheiten für Auszeichnungen.
Ihr Hintergrund (Japan + europäische Avantgarde) passt sehr gut zu dem, was in Deutschland oft gefördert wird: künstlerische Eigenständigkeit, Grenzgänge, Konzeptarbeit. Das macht sie für Jurys besonders interessant.

