Musiker auf Instagram Teil 5: Goldgrube im Archiv, Strategien für Musiker der 90er und 2000er

ältere Musiker auf instagram

 

Viele erfahrene Musiker sitzen auf einer schieren Goldgrube an zeitlosem Material, lassen es aber ungenutzt liegen, weil Social Media für sie oft wie eine unüberwindbare Hürde wirkt oder schlichtweg als Fremdkörper empfunden wird. Wer in den 90er- oder 2000er-Jahren Musik gemacht hat, kennt den gravierenden Unterschied zu heute: Damals zählte vor allem das musikalische Handwerk, exzellentes Songwriting und pure Live-Energie. Dafür gab es noch keine Smartphones, um jeden Gig und jede Session spontan in HD mitzuschneiden.

Viele „ältere“ Musiker glauben, sie könnten auf Instagram nicht mithalten, weil ihnen der „moderne Content“ fehlt. Das Gegenteil ist der Fall: Ihr sitzt auf einer musikalischen Goldgrube!!  Die 80er boomen, die 90er auch. Es ist ein großer Bedarf an echter purer Musik bei der jüngeren Generation vorhanden.
Zeitlose Songs, analoger Vibe und ehrliches Handwerk haben heute auf Social Media einen gigantischen Wert – man muss das vorhandene Material nur richtig aufbereiten. Hier ist der Leitfaden für alle, die nicht mit Instagram „aufgewachsen“ sind, aber ihr musikalisches Erbe neu aufleben lassen wollen.

1. Die eigene, „alte“ Musik auf Instagram bereitstellen: Dein Katalog als Sound-Bibliothek

Bevor du irgendetwas postest, gehört deine Musik dorthin, wo andere sie nutzen können: in die Instagram-Audio-Bibliothek.
  • Re-Distribution nutzen: Über moderne digitale Vertriebsplattformen (wie DistroKid, TuneCore oder iMusician) kannst du deine alten Master-Aufnahmen, Demos oder Alben problemlos auf Instagram, TikTok und Spotify hochladen.
  • Als Hintergrundmusik freigeben: Wenn deine Songs in der Instagram-Bibliothek verfügbar sind, können andere User (und du selbst) sie als Tonspur für ihre Reels nutzen. Wenn deine Musik stark ist, wird sie von anderen Creators als Sound entdeckt und weiterverbreitet.

Du musst natürlich nicht alles bereitstellen! Du kannst auch nur exemplarische Werke deines Schaffens wählen – aber sei nicht zu empfindlich: je mehr Leute deine Musik nutzen, umso mehr machst du dir einen Namen. Sitze also nicht auf deinen alten Werken, sondern haue sie raus! Denke an Adam Dodson, der sich mit einem einzigen Song schon ein Denkmal erschaffen hat.

Sind deine alten Songs ungewöhnlich oder skurril und du befürchtest, dass die Masse nicht darauf abfährt? Dann sag Freunden und Bekannten Bescheid, (alten Fans deiner Musik…), dass es deine Musik jetzt auf Insta als Hintergrundmusik gibt. Poste selber witzige oder auffällige Reels mit den Songs als Hintergrundmusik, zeige, für welche Inhalte diese perfekt passen.

2. Der „Retro & Nostalgie“-Bonus: Altes Material als Hype-Garant

Der Look und Sound der 90er und 2000er ist aktuell bei jüngeren Generationen extrem angesagt. Was früher einfach nur „alte Aufnahmen“ waren, gilt heute als ästhetischer Vintage-Content.
  • Konzertmitschnitte & VHS-Tapes: Hast du alte VHS-Kassetten, Camcorder-Videos oder alte Bootlegs von früher? Digitalisiere sie (das geht heute günstig per USB-Grabber). Das körnige, unperfekte Bild gepaart mit sattem Sound ist auf Instagram ein absoluter Blickfang.
  • Master-Bänder, alte CDs & Demo-Tapes: Zeige das physische Material im Video. Eine Hand, die eine alte Kassette in den Recorder schiebt, während der Song anläuft, zieht visuell sofort in den Bann.
  • Vorher-Nachher-Vergleiche: „So klang der Song 1998 im Proberaum – und so klingt er heute live.“ Solche Gegenüberstellungen zeigen Tiefe und Historie.

3. Schwellenangst abbauen: Du musst kein TikTok-Tänzer werden

Die größte Hürde für Musiker älterer Semester ist die Befürchtung, sich für die Kamera verstellen zu müssen. Die Entwarnung vorweg: Bitte bleib genau so, wie du bist!
  • Authentizität schlägt Trends: Auf Instagram erfolgreich zu sein bedeutet nicht, peinliche Trends nachzutanzen. Es bedeutet, deine Leidenschaft für Musik zu teilen.
  • Gitarre/Instrument schnappen und los: Ein Video, in dem du einfach auf dem Stuhl sitzt, dein Instrument nimmst und das Riff deines besten Songs von 1999 spielst, reicht völlig aus. Schreib einfach als Text ins Video: „Diesen Riff habe ich vor 25 Jahren geschrieben. Baut er immer noch Druck auf?“
  • Anekdoten erzählen: Menschen lieben Storys von früher. Erzähle kurz die Geschichte hinter einem Gig, einer verpatzten Studio-Session oder wie der Song damals entstanden ist.

Glaube nicht, dass solche Geschichten langweilig wären! Die junge Generation weiß, dass sich Musik/Livekonzerte etc. ganz anders anfühlten als heute. Sie wollen gerne das alte Feeling nachfühlen und du bist der Kanal dafür.

4. Das „Repurposing“: Aus 1 alten Album machen wir 30 Social-Media-Clips

Du musst nicht jede Woche einen neuen Song schreiben! Nimm ein einziges altes Album oder eine alte Demo-Tape und zerlege es in Häppchen:
  • Snippet 1: Nur das Gitarren- / Bass-Solo als kurzes Video.
  • Snippet 2: Die Strophe mit dem gedruckten Songtext als Overlay.
  • Snippet 3: Ein alter Zeitungsartikel oder ein Foto vom damaligen Band-Shooting, unterlegt mit dem Refrain.
  • Snippet 4: Die Geschichte zur Entstehung des Songtexts im Video erklärt.

Also…

Gute Musik hat kein Ablaufdatum. Die Technik von heute gibt dir die Werkzeuge an die Hand, deine Werke aus den 90ern und 2000ern einem völlig neuen, weltweiten Publikum zugänglich zu machen – ohne ein riesiges Plattenlabel im Rücken.

Lass deine alten Schätze nicht im Keller verstauben: Digitalisiere sie, steck den Kopf nicht wegen der Technik in den Sand und zeig der Welt, wie echter Sound gemacht wird. Oder reaktiviere die alten Songs und Ideen und mache sie zu neuen Songs.

Ganz klar und verständlich ist, dass ältere Musiker eine Hemmschwelle vor Instagram haben: Alle dort sind so hipp, witzig, erfahren vor der Kamera und zudem viele noch jung und hübsch. Kommt man sich natürlich blöd vor als alter Hase. Aber das Musikgenre funktioniert anders als die Influencerwelt und andere Musiker lieben Inspiration.

In der Flut der jungen Musiker zwischen 20 und 30 Jahren fallen ältere Semester als interessant und anders auf. Versuche aber nicht künstlich jung zu wirken und Ausdrücke oder Attitude der jungen Kollegen nachzuahmen, sondern bleibe dir treu.

Allerdings musst du eine richtige, vielleicht nur innere Barriere durchbrechen, denn die Instagramwelt ist für erfahrene Musiker immer noch eine Wundertüte mit skurrilen Regeln und Auffälligkeiten.

Stelle dir einfach vor, du bist das Tor zu einer anderen Musikwelt und du willst das Tor für die Jüngeren aufstoßen und ihnen zeigen, wie sich das Musikersein früher anfühlte und was ihr damals so drauf hattet.

Es tut niemandem weh, wenn du als älteres Semester viel postest. Aber du tust dir selber vielleicht weh, wenn du diese Chance nicht nutzt. Mit der Zeit kannst du dir auf Instagram deine eigene Musik-Welt aufbauen und deinen Musikkosmos zeigen und anbieten, ein gelungener Mix aus Tutorials, Unterrichtssequenzen, Workshop-Angeboten, Live-Mitschnitten, Jams, Übeläufen (Beispiel: „Ich spiele einen Taylor Swift Hit nach, obwohl ich ihn nicht mag…“), Erfahrungen mit schlechtem und guten Equipment, Zusammenspiel mit anderen Musikern („Wann matcht es, wann nicht“), Gags, Motivation, unproduktive Phasen -> all das, was du früher im stillen Kämmerlein erlebt hast, kannst du jetzt auf Instagram mit einem neuen, interessierten Publikum teilen.

P.S.: Müssen ältere Musiker gut aussehen? Instagram ist ein visuelles Medium und schöne, junge Menschen, die singen oder Instrumente spielen, haben es eindeutig einfacher ein großes Publikum zu erreichen. Als älterer Musiker hat man da schon mal Komplexe und fühlt sich unsicher.

Aber: Du hast nicht mehr die selben Ziele wie junge Musiker. Was deine Optik angeht: Du musst nicht super aussehen, aber gepflegt oder sagen wir mal so, dein Styling sollte gewollt wirken, nicht zufällig. Das heißt, wenn du Videos drehst, überleg dir, was du trägst, achte auf den Hintergrund. Achte zumindest ein wenig auf Haare und Styling. Stelle dir vor, dein Video, deine Story wären ein Bühnenauftritt. Hast du keine Lust, dich ständig in Schale zu werfen, dann dreh einfach einige Videos in deine Lieblingsmusiker-Montur vor. Spiele ein wenig mit diesem neuen Medium, hab Spaß dabei und erfinde dich selbst als Musiker auch wieder neu. Du musst nicht dein Image von früher übernehmen, es geht mehr darum, deine Musik von damals wieder zu beleben.

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